Ich gebe zu, das ist ein schwieriges Thema, denn erstens, was ist „Sozial“ und zweitens, was ist „Gerecht“?

Fange ich mal beim ersten an, weil die Definition vermutlich am einfachsten sein wird.

Sozial ist, für mich, das, was die Rechte und Bedürfnisse der Anderen in einer Gesellschaft berücksichtigt und auf dem gleichen Niveau stellt als die eigene. Grundvoraussetzung für soziales Handeln also ist, dass man erkennt, was die Rechte und Bedürfnisse der Anderen sind, diese dann in Verhältnis zu den eigenen setzt und entscheidet, was den größeren Gewicht in der Abwägung hat. Dies bedeutet, dass „sozial“ in der einen Umgebung nicht unbedingt identisch sein muss mit dem „sozial“ in einer anderen Umgebung. Ein Beispiel dazu:

In Deutschland (und große Teile von Europa) wird allgemein als Recht betrachtet, dass man bei einem Gespräch von Mensch zu Mensch nicht nur die Stimme des Gegenübers hört, sondern auch sein Gesicht dabei sieht. Als Ausnahme wird da Telekommunikation betrachtet, aber wenn ich ein Menschen auf der Straße begegne, wird mehr oder weniger erwartet, dass ich in der Kommunikation mehr als nur meine Stimme benutze. Die Körpersprache wird von den meisten Menschen als unabdingbarer Teil der Kommunikation betrachtet. Wer kennt es nicht, ein Kind was angesprochen wird bekommt gesagt „schaut mich bitte an…“ Und wer kennt vielleicht die Situation dass man sich mit einem Autisten unterhält, der einfach keinen Blickkontakt halten kann?

Blickkontakt bedeutet für uns häufig, dass wir einschätzen können ob udn wie dem Gegenüber meint was er sagt. Für uns in der Kommunikation ein Bedürfnis, eine soziale Anforderung also, wenn ich es im Kontext dieses Textes bringe.

Aber es gibt andere Länder, andere Gesellschaften, die da eine ganz andere Vorstellung haben. Da bedeutet gerade der Blickkontakt eine unerwünschte Intimität. Der Blickkontakt dringt in der Privatsphäre ein, ein absolutes Tabu.

Ein anderes Beispiel vielleicht noch.

Von eine Person welche sich auf ein FKK-Strand begibt wird erwartet, dass er oder sie sich selbst genau so auszieht. Da hat die „Hüllenlosigkeit“ nichts mit Unsiitlichkeit zu tun, sondern ist in dem Kontext einfach eine Erwartung der sich dort befindlichen Gesellschaft. Wer da angezogen herum sitzt, wird schon schnell als Perverser identifiziert. Entgegen dem, was auf dem restlichen Strand erwartet wird. Dort wird der Unbekleidete schnell als Pervers identifiziert. Wobei gesagt sei, weder im ersten noch im zweiten Fall ist die Bezeichnung „Perverser“ per Definition richtig, vielleicht ist einem nur furchtbar kalt oder warm, aber darum geht es nicht.

Sozial ist also das, was in der Gesellschaft in welche man sich bewegt als angemessen betrachtet wird. Und um das herauszufingen muss man in der Lage sein, zu erkennen was erwartet wird. Da können Hinweise aus eben dieser Gesellschaft hilfreich sein („schau mich bitte an…“), aber es setzt eine gewissen Intelligenz voraus die Signale zu erkennen, auszuwerten, einzuordnen und dann auch noch adäquat zu reagieren. Besonders dann, wenn es so unausgesprochenen und nirgendwo festgeschriebene Verhaltensregeln in einer Gesellschaft gibt.

Eine weitere, aus meiner Sicht unabdingbaren, Bedingung zur Erkennung von sozial erwünschtem Verhalten in einer Gesellschaft, ist eine entsprechende Bildung. Bildung die Zugang gewährt zur aktuellen Schriftsätze die sich mit der Gesellschaft beschäftigen und die gewährleistet, dass eine Person ZUgang hat zu Dokumentation die belegt, wie dieser Gesellschaft zu diese, in den meisten Fälle ungeschriebenen, Reglen gekommen ist. Gerade letzteres ist interessant und wichtig, denn die Regeln in einer Gesellschaft ändern sich mit der Zeit. Technologische Entwicklungen und wirtschaftlichen Wandel führen fast schon zwangsweise zu Änderungen an dem, was sozial als akzeptabel betrachtet wird.

Dieser Wandel hat auch etwas mit der Bewußtwerdung einer Gesellschaft über andere soziale Strukturen zu tun und hängt in einem engen Zusammenhang mit wirtschaftliche Entwicklungen. So war es während des Krieges in Deutschland und weiten Teile von Europa nicht nur akzeptiert, dass Frauen schwere Maschinen bedienten, es wurde sogar mehr oder weniger erwartet. Frauen entdeckten, dass sie sehr wohl in der Lage waren technische Berufe auszuüben, sie entdeckten ein Stück Freiheit. Eine Freiheit die dann nach 1945 zunächst zu erheblichen Spannungen führte, die Männer kamen zurück und die Frauen sollten sich wieder in der Küche verkriechen (etwas überspitzt formuliert natürlich!). Die hieraus wachsende Spannungen führten dann langsam aber sicher doch zu eine Emanzipation (wobei, eigentlich müsste man Efrauzipation sagen, oder?), und am Ende zu eine neu definierte Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Wer nicht in der Lage versetzt wird, diese Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen, wird mit weitere Veränderungen schlecht zurecht kommen. Das eine Gesellschaft sich als lebendigen Mechanismus ständig in eine Veränderung befindet, kann man nur verstehen, wenn man die Geschichte kennt. Und das setzt Bildung voraus.

Damit bin ich wieder an dem Punkt wo ich gestern schon war, Bildung bedarf eine hohe Priorität zur Stärkung und Sicherung einer demokratischen Gesellschaft.

Wie wichtig Bildung für eine Gerechte Gesellschaft ist, werde ich dann im nächsten Beitrag ausführen.

In diesem Sinne,

 

Olav

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