Woher der Spruch stammt weiß ich nicht, aber bei meiner Tante in Amsterdam hing folgender Spruch an der Wand:

Het leven is een pijp kaneel
je zuigt er aan en krijgt je deel

(Das Leben ist eine Stange Zimt, Du lutscht daran und bekommst Dein Anteil)

Gerade in den ltzten Tagen muss ich immer wieder an diesem Haus denken. Van Breestraat 150 in Amsterdam, ein Eingang mit links die Tür die zur Wohnung meiner Tante führte und rechts die Tür zu den darunter liegenden Stockwerke. Mein Onkel und Tante bewohnten den zweiten und dritten Stock. Hinein ins Haus kam man indem man entweder klingelte oder durch den Briefkasten nach dem Schnürchen griff und daran zog. Klingelte man nur, musste man warten bis jemand oben an der Treppe am langen Seil zog und so die Tür öffnete. Dann folgte eine lange, schmale Treppe, deren ersten Stufen teilweise von abgestellte Fahrräder blockiert wurden. Heute undenkbar, damals in den 60-er und 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts in Amsterdam und andere Großstädte ganz normal.

Direkt in der Nähe, auf der andere Seiten von de Willemsparkweg, war (und ist) der Vondelpark. Auf dem Weg von dem Haus wo wir wohnten an der Nassaukade ging es quer durch dem Park. Komisch, ich kann mich irgendwie ganz gut und doch gar nicht an den Spaziergänge die meine Mutter da auf dem Weg zu meiner Tante mit mir machte erinnern. Später, als wir aus Amsterdam weggezogen waren, ging es regelmäßig Sonntags zu der Familie.

Ich rieche noch diesen typischen Geruch des Hauses. Kann es nicht beschreiben, war auch nicht unangenehm, es war eben „Tante Sien“. Noch später, als ich dann in Amsterdam zur Schule ging, nutzte ich diese Adresse oft als Unterschlupf wenn ich den Unterricht fern blieb und entweder die Bücherei auf der Prinsengracht zu hatte (Montags) und das Wetter zu schlecht war für den Vondelpark.

Mancher Tag verbrachte ich auch in einer der Amsterdammer Museen, eine Jugendmuseumsjahreskarte machte das möglich. Ich meine sogar, dass Tante Sien mir die jedes Jahr bezahlte. Die Besuche bei meiner Tante waren pure Erholung, ich konnte sein und es konnte wirklich über alles geredet werden. Manchmal saß ich einfach in einer Ecke und vertiefte mich in einer der Bücher die es da reichlich gab, andere Male wiederum versuchte ich mich am Klavier oder diskutierten wir. Besonders mein Cousin Paul war da ein Gegenüber.

Letztens träumte ich von dieses Haus, ich war wieder zur Besuch, doch diesmal war es komplett leer. Als ich oben an der Treppe stand, gab es keine Möbel. Die Wände waren alle strahlend weiß, die Türe eher in ein Creme-ton gestrichen. Dort wo die Küche einmal war und rechts an der Wand die Kaffeemühle (Douwe Egberts) hing, war nun ein leeren Raum. Nicht einmal mehr die Anschlüße für Spüle, Wasser, Abwasser und Gas waren zu sehen.

Dort wo einst das Esszimmer war mit dem massiven Kamin, der im übrigen immer noch da war, und nach hinten den Balkon, der alleine schon deswegen spannend war, weil mach das Gefühl hatte, er würde jeden Augenblick unter einem wegbrechen können, war nun ein ebenfalls strahlend weißen Raum.

Die Schiebetüren die vorne und hinten trennten, waren geschlossen und durch die bunte Bleiglasscheibchen welche eingefaßt in schmale graue Bleistreifen die Türen füllten, schien das ungefilterte Sonnenlicht. Der Raum war ebenfalls weiß, die Türen zum kleinen Balkon vorne standen offen. Dieser Balkon war damals auch spannend, weniger wegen der Konstruktion als wohl um den Blödsinn den wir da machen konnten. Im Sommer mit eine Wasserpistole auf Passanten spritzen und sich dann schnell verstecken, nur akustisch verfolgend wie sie auf eine unerwartete Dusche reagierten.

Das kleine Zimmer, wo mein Cousin sein Aufenthalt hatte, war ebenfalls leer.

Im dritten Stock, für meine Tante den zweiten, gab es nun ein Badezimmer, direkt über der Küche, völlig eingerichtet und trotzdem ganz leer. Ich hatte das Gefühl, wieder diesen etwas feuchten Geruch eines alten Bades in der Nase zu haben.

Zwischen den vorderen und hinterem Zimmer befand sich, so stellte ich erstaunt fest, ein weiteren schmalen Raum. Wenn ich jetzt daran denke, den gab es tatsächlich, war aber immer zu, wenn auch nicht verschlossen. Da gab es noch eine steile Treppe die zu einer Dachlücke führte.

Während ich diese Zeilen schreibe frage ich mich, warum dieses Haus mich gerade jetzt so beschäftigt. Wieso kommen die Erinnerungen jetzt auf einmal wieder auf?

Keine Ahnung, ist auch nicht wichtig. Heute ist Mittwoch, den 14. August 2019, es sind inzwischen 30 Jahre vergangen seit ich zum letzten Mal tatsächlich da war. Mein Onkel und mein Tante sind inzwischen verstorben, mein Cousin ist inzwischen in Rente und was meine Cousinen machen kann ich nicht sagen. Ich vermute, sie sind wie ich einige Jahre älter geworden, nicht mehr so schnell auf die Füße und die schwarze Haare werden auch ihre Grautöne bekommen haben.

In diesem Sinne,

 

Olav

Leave a Comment