Seit einige Wochen ist es nicht nur ruhig, es ist sogar still rund um den Bremer Flughafen. Grund ist die immer noch herrschenden Coronakrise. Während ich es schreibe fällt mir auf, dass der Begriff „herrschenden“ mich stört. Ja, es ist eine schwierige Zeit und sicher, wir verzichten auf Einiges im Augenblick und natürlich, auch ich würde gerne das Gefühl haben wieder einfach ohne Nachzudenken tun zu können was ich möchte, und doch, es geht uns ganz gut.

Ich denke jedoch, dass dieser Zeit auch etwas Gutes hat. Persönlich nutze ich die Gelegenheit um mich in Archiven nach alte Bücher und Schriftstücke umzusehen. Digitalisierung hat große Vorteile, ich habe Zugriff auf zahllose Schriftsätze der Vergangenheit, deren Aktualität mich manchmal erschreckt.

So lese ich in einen Beitrag vom 10. Februar 1917 (!), geschrieben vom Niederländischen Pfarrer Klaas Schilder (1890 – 1952) für den „reformierte Kirchbote von Vlaardingen“ folgende Sätze:

Man beschwert sich manchmal über den Individualismus mancher Christen. Und darunter versteht man dann, dass sie sowohl in ihre Ansichten als auch in der Praxis ihres täglichen Lebens viel Platz eingeräumt wird für was man selbst persönlich braucht um zu Gott zu finden, während zu wenig geachtet wird auf die Gemeinschaft der Heiligen…

Es sind Sätze die mich nachdenklich machen, gerade in dieser Zeit von Corona und die dadurch verursachte Veränderungen in unserer Gesellschaft. Die Käseglocke unter welche Christen sich in ihrer Gemeinde befinden ist plötzlich noch viel kleiner geworden. Nicht mehr 500 Personen treffen sich Sonntags im Gottesdienst, sondern höchsten die Hausgemeinschaft vor dem Bildschirm um die Übertragung eines Gottesdienstes zu folgen. Die Käseglocke schützt jetzt nicht nur für die Reize der Welt, sondern bequemerweise auch für ein Virus.

Doch macht es wirklich glücklich? Ist das wirklich was in dieser Zeit von uns gefordert wird? Sollten wir nicht zu denen gehören, die hinausgehen in dieser Welt und trotz, oder gerade wegen (!) dieser Krise eine Botschaft der Hoffnung verkünden? Effektiv durch unser Handeln und nicht durch unsere Worte?

Es ist ein ethische Frage die man, denke ich, nicht nur philosophisch betrachten darf. Ein praktischer Konsequenz ist gefordert. Schilder schrieb diese Zeilen während des Ersten Weltkrieges. Die Niederlanden waren neutral und blieben vom direkten Kriegsgeschehen verschont. Trotzdem hatte der Krieg seine Auswirkungen. Seeblockaden führten zu Mangel in der Versorgung, es wurde gehamstert und es entstand ein Handel in Mangelgüter zu schwer überhöhte Preisen. Menschen die bereits viel hatten bekamen mehr und die die wenig hatten noch weniger. Ein Spannungsfeld für die Gesellschaft und da war die Gemeinde in Vlaardingen nicht von ausgenommen.

Woher ich das weiß? Nun, warum sollte Schilder sonst diese so kritische und sicher nicht überall gerne gehörte Frage(n) gestellt haben. Und zwar in einer Form die diese Frage nicht nur an diesem Sonntag in seiner Predigt, sondern darüber hinaus in breite Teile der christliche Gemeinschaften laut werden ließ.

Die Bekämpfung des Virus wird martialisch als „Krieg“ bezeichnet, aber das ist es nicht. Krieg ist etwas anderes, da brauchen wir nur die Flüchtlingen in unserer Straße zu fragen. Erschreckend ist aber, dass auch hier wieder Menschen ihr Gewinn machen aus der Not der Anderen. Ein Bekleidungshersteller der sich rühmt „nur in Deutschland zu produzieren…“ und sich weigert soziale Projekte zu unterstützen weil er „das Geld in Arbeitsplätze investiert…“ und gleichzeitig in einer Fernsehdokumentation mit dem Hubschrauber vor einer seiner Filialen landet um zu beanstanden, dass nicht alle Kleiderbügel in der Retourenbox in der gleichen Richtung liegen, berechnet für Mundmasken ein Vielfaches von dem, was sie kosten und ich wage es zu bezweifeln, dass der Gewinn wirklich in Arbeitsplätze investiert wird.

Möge es kein Missverständnis geben, ich habe nichts gegen Unternehmer und ich sehe durchaus eine Berechtigung in der Gewinnorientierung eines Betriebes, aber muss das tatsächlich in der Form sein? Wo sind da die Menschen die aus ihren Glauben hinaus Gegenakzente setzen?

Es gibt sie, das weiß ich. Ich kenne auch einige, auch aus meiner eigenen Gemeinde. Was aber würde passieren, wenn 500 Menschen in Bremen plötzlich anfingen ihr Glauben praktisch zu teilen? Zu LEBEN was sie verkünden, die Käseglocke von Innen zerschlagen und hinausgehen in dieser Welt oder wenigstens in dieser Stadt? Es gibt, wie beim Virus, andere Wege sich gegen die schädliche Einflüsse der Welt zu schützen. Wege die vielleicht mehr vom Glauben bezeugen als eine auf Hochglanz polierte Käseglocke.

Es gilt Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung dafür, dass der Glauben an Christus nicht nur ein hohle Phrase erscheint sonder praktische Konsequenzen hat. Und diese Konsequenzen sind NICHT den Ausschluss von Minderheiten oder Andersdenkenden, sonder sie sind eine offene, vielfältige Gemeinschaft welche von Respekt und Liebe geprägt ist.

In diesem Sinne, nachdenklich aber guten Mutes,

Olav

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